"LK" Geschichte, ein Kurs politischer oder "sonstiger" Art?

Als am 21.8.1989 sich der "LK" Geschichte zum ersten Mal vollzählig zwei "Frau" und fünfzehn "Mann" stark im Zimmer 205 versammelte, stand unausgesprochen die große Frage im Raum:

"Warum haben diese hoffnungsvollen jungen Menschen ausgerechnet das "Leistungsfach" Geschichte gewählt? Waren es politische Gründe? War es das große Interesse an der Geschichte im allgemeinen oder an der unseres deutschen Vaterlandes im besonderen? War es die Aussicht auf die angekündigte Reise in den anderen Teil Deutschlands, damals noch DDR? War es gar die Persönlichkeit des angekündigten LK-Lehrers, mit seinem Ruf; oder war es die vorher durchgeführte Werbekampagne? War es die Annahme, ohne Voraussetzungen aus früheren Schuljahren auf einfache und mühelose Weise zu hohen Punktzahlen zu kommen? Oder waren es "sonstige" Gründe, die schwer zu eruieren und vielleicht tief in der Psyche der Einzelnen oder des Einzelnen zu suchen sind?

Bis heute fand der immer gesunde Betrachter dieses Kurses keine schlüssige Antwort, obwohl er sich fast täglich angesichts der Vitalität dieser Gruppe diese Frage stellen muß. Es scheint, daß auch manche bzw. mancher dieser jungen Menschen sich bis heute eine ehrliche Antwort schuldig blieb.

Wie dem auch war, dieser 21.8.1989 war für einen Teil bereits ernüchternd: die Ausgabe der Lehrpläne und zahlreicher gewichtiger Bücher war ein erster Schock. Fragen wie "Ja muß man das alles lesen und auswendig können?" oder "Ja was heißt denn "Pauperismus" oder "Demographie"?" klangen wie der Aufschrei desillusionierter Freiwilliger, die noch nicht ahnten, daß auch sie im Besitz voller Mobilität zu Akkumulation und Konzentration historischen Wissens würden vorstßen können.

Eine erste Erholungsphase wurde unseren angehenden Historikern bald zuteil im Weindorf und durch den Wegfall von 14 Stunden wegen der Schullandheimaktivitäten des Fachlehrers.

Danach begannen jedoch für diesen Kurs unruhige Zeiten:

Die herrschenden Unterrichtsmethoden führten immer wieder zu Überraschungen, obwohl einige doch schon seit der 9. Klasse mit den Praktiken ihres Tutors (für 13 von 17) und Fachlehrers konfrontiert waren. Vor allem Tafelaufschriebe forderten von den staunenden Eleven höchste Konzentration und manchmal auch eine gewisse physische und psychische Akrobatik.

Politisch schlugen die Ereignisse im Osten auch auf das Kursleben durch und verdeutlichen die extreme Breite des im "LK" existierenden Spektrums:

Vom kleindeutschen ("Wir Böckinger...") über den normaldeutschen (?) bis zum großdeutschen ("Was geschieht mit Südoberschlesien und den deutschen Kolonien?") waren alle Standpunkte vorhanden, die schließlich von mäßig mittelinks kraft instutionalisierter Autorität lautstark in die richtige Richtung gelenkt werden konnten.

Nur sexualpsychologische Einsichten konnten in dieser Zeit auftretenden Persönlichkeitskrisen bewältigen. Die Symptome - Schwätzen, Tuscheln, Kichern und plötzliches lautes Auflachen -

führten beim Lehrenden zu Irritationen und Frustrationen.

Diese legten sich erst wieder, als die lange Geplante Exkursion in die noch bestehend DDR herannahte. (Der wegen des von außen bestimmten Termins schwelende Konflikt mit den Romfahrern hatte sich zum Glück im nachhinein gütlich aufgelöst): Trotz der Existenz eines bestimmten "Tönnchens" brachte dieser Studienfahrt neben dem gesamtdeutschen Erlebnis einige unvergeßliche Höhepunkte: das große schwäbisch-thüringsche Bierfest am Schloß zu Windischleuba mit seinen allseitigen Annäherungsversuchen, Uta und Hermann im Dom zu Naumburg, die erlebende Stimmung auf der Rudelsburg, das große Denkmal deutscher Manneskraft zu Leipzig, das Grüne Gewölbe, die Auseinandersetzung um private Filmrechte zu Sanssouci, die Bekanntschaft mit märkischen Wildschweinen im Wald von Lehnitz, die angewandte Partnerschaft in Frankfurt (Oder) und das frivole Nachtleben in Berlin (West).

Nach dem Verlust dreier markanter Mitschüler am Ende von 12.2 (vor allem der intellektuelle Kontakt zum dörflichen Milieu des Unterländer Mittleren Westens ging verlorn) sah sich der Kurs -immer der Aktualität verpflichtet - mit Voranküdigung in das Gefährlich Umfeld des großserbischen Nationalismus versetzt. Durch einen methodischen Trick (dt. "Kunstgriff") gelang es jedoch dem Kurslehrer vor allem in 13.2 größere Konflikte durch seine Wunderdroge einzuschläfern: die private und die RMG-Sammlung besitzen einen unerschöpflichen Fundus an lehrplankonformen Videos, nach denen bald der ganze Kurs geradezu süchtig wurde. Leider führte dieser Video - Einsatz doch bei einigen zum Realitätsverlust, wie die angetroffene Unwissenheit über Albanien zeigte, nachdem dieses Land schon über "zwei Wochen in den Schlagzeilen gewesen war.

Wobei wir wieder bei der großen Frage des 21.8.1989 angekommen wären.

Sechs von den 15 in 13.2 noch vorhandenen Kursteilnehmern mußten bzw. durften den Kurslehrer fünf Jahre lang hinnehmen und umgekehrt. Sie und die anderen neun trugen trotz mancher Turbulenzen zumindest keine bleibenden physischen Schäden davon...

Dem Kurslehrer wird dieser Kurs gerade wegen der vielen gemeinsamen Unternehmungen (Grenoble, Schulandheim, Wertheim, Kronach, DDR, häuslicher Bereich) und trotz oder auch gerade wegen der schließlich im Geiste des demokratischen Pluralismus beigelegten Interessenkonflkte in guter Erinnerung bleiben, haben sich doch alle irgendwie und insgesamt rein menschlich, politisch oder "sonstwie" gesehen als "Liebies" erwiesen, wie eine geschätzte Kollegin in ähnlichen Fällen zu sagen pflegt.

Berni Hermann


Inhalt | <<< zurück | weiter >>> Copyright Abi-Jahrgang '91 RMG | www.rmg91.de