Obwohl über drei Viertel der Bundesbürger Mitglied einer christlichen Kirche sind, wird der Einfluß der Kirche immer geringer. Auch in der Schule wird dies ersichtlich, so herrscht z.B. ein Mangel an Religionslehrern (RMG: eine katholische Lehrkraft). Im schulischen Alltag spielt das Fach Religion keine große Rolle mehr, was sich darin äußert, daß viele Schüler aus dem Unterricht austreten.
Daraus ergeben sich mehrere Fragen.
Woraus resultieren die Differenzen zwischen kirchlicher Lehrmeinung und öffentlicher Haltung bei zahlreichen kirchlichen Themen in der BRD?
Einige in der aktuellen Diskussion heiß umstrittene Punkte seien hier erwähnt:
Der Kirche wird oft vorgeworfen, sie halte an nicht mehr zeitgemäßen Regeln fest. Auf "moderne" Positionen antwortete die Kirche mit dem Entzug der Lehrerlaubnis (Beispiel: Küng). Diese "Intoleranz" muß jedoch näher hinterfragt werden. So nennt sich unser System ja auch "streitbare Demokratie", in der keinesfalls jede beliebige Meinung toleriert wird und gewisse elementare Grundregeln zwingend eingehalten werden müssen.
Scharfe Kritik wurde kürzlich an der Reise des Papstes zur Einweihung des "zweiten Petersdomes" in der Elfenbeinküste geübt. Die Hintergründe jedoch wurden dabei z.T. außer Acht gelassen. Der Dom wurde von den dortigen Machthabern finanziert. Der Papst konnte dies also nicht mehr rückgängig machen, nahm jedoch die Gelegenheit wahr, für den Aufbau caritativer Einrichtungen (z.B. Krankenhaus) zu plädieren und somit zur Verbesserung der dortigen Zustände beizutragen.
Der wohl heftigste Angriff auf die Kirche wird im Zusammenhang mit der Frage der Abtreibung vorgebracht. So wird argumentiert, daß die Ablehnung der Abtreibung nicht unwesentlich an der Überbevölkerung und damit indirekt an der Hungersnot in der Dritten Welt schuldig sei. Aber die Kirche bemüht sich um eine aktive Lösung dieser Problematik durch zahlreiche Hilfsaktionen und -organisationen (Misereor, Adveniat, Brot für die Welt, ...). Es wurde berechnet, daß die Erde das Vierfache der heutigen Bevölkerung ernähren kann. Das Problem der Hungersnot ist also ein Verteilungsproblem, hier ist unsere Mithilfe gefragt. Bei der Abtreibung stellt sich die Frage nach der Verantwortung. Wer kann sich, wie dies weite Teile unseres Parteienspektrums tun, anmaßen, eine Entscheidung darüber zu treffen, ab wann menschliches Leben existiert? (Entsteht etwa ein Mensch von heute auf morgen, wie dies die logische Konsequenz der Fristenregelung wäre?!) Unbestritten ist doch wohl die Tatsache, daß menschliches Leben respektiert und geschützt werden muß. Im Grundgesetz wird das Grundrecht auf Leben gewährleistet (Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG: "Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit."). Das Recht auf Leben wird jedem gewährleistet, der "lebt"; zwischen einzelnen Abschnitten des sich entwickelnden Lebens vor der Geburt oder zwischen ungeborenem und geborenem Leben kann hier kein Unterschied gemacht werden. "Jeder" im Sinne des Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG ist "jeder Lebende", anders ausgedrückt: jedes Leben besitzende menschliche Individuum; "jeder" ist daher auch das noch ungeborene menschliche Wesen.
Welche Bedeutung hat die Kirche noch für uns heute, ausgehend von diesen oben aufgeführten Kritikpunkten?
Nur einige wenige Denkanstöße seien hier genannt:
Die Kirche versucht bei aller menschlichen Schwäche das "Anliegen" Jesu Christi fortzuführen und für alle Menschen die heilsstiftende Gnade Gottes zu erwirken.
In der Kirche kann der Sinn einer menschlichen Gemeinschaft am intensivsten erlebt werden (z.B. das gemeinsame Erleben von Freude und Leid, das gemeinsame Mahl der Eucharistiefeier). Diese Gemeinschaft beschränkt sich nicht nur auf das Regionale oder Nationale, sondern ist staatenübergreifend und weltweit. Die Kirche ist international. Sie bemüht sich um Integration der unterschiedlichsten Völker (es gibt schwarze und weiße Bischöfe!) und trägt somit zur weltweiten Verständigen und zum Frieden bei.
Wir wollen hier nicht den Anschein erwecken, jede Kritik mundtot machen zu wollen. Eigene Gedanken bleiben stets erwünscht, sollten jedoch einige Kriterien erfüllen:
Kritik sollte einen Beitrag zur eventuellen Verbesserung bestimmter Situationen leisten, also konstruktiv sein. Die wichtigste Grundlage dafür ist die vorherige intensive und ausführliche Beschäftigung mit dem jeweiligen Thema. Dies sollte sich nicht auf blinde Aufnahme oft einseitiger Berichterstattung der Massenmedien erstrecken. Jeder einzelne sollte um eine sorgfältige Auseinandersetzung mit allen Aspekten, die gerade bei derartigen Problemen zahlreich und vielschichtig sind, bemüht sein.
Unabdingbare Grundlage aller Diskussion muß jedoch nach wie vor die von allen Seiten trotz stark abweichender Positionen geübte Toleranz sein!
Stefan Schelle
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